Limay - Age of Conan Teil 1 bis 4
Limay - Der erste Abschnitt zu ihrer Geschichte
Die Straßen in Paikang sind nicht schmutzig. Sie sind nicht verdreckt wie die Gassen von Tarantia und auf ihnen kriechen auch keine Schlangen umher wie in Khemi. Es ist nicht so kalt in den Nächten wie in Cimmerien. Jeder Andere, der aus einem anderen Land kommt, würde sich wohl an der Schönheit Khitaus erfreuen, doch sind Fremde eben Fremd in einem Land, das meine Heimat sein sollte.
Ein weiser, alter Mann sagte mir einst, dass Heimat dort ist, wo das Herz sich zu Hause fühlt. Ich danke ihm für diese letzten Worte und ich bin droh, das ich meinem Herz gefolgt bin und aus Khitai fortlief.
Wenn mich jemand fragen würde, warum ich mein Land verlassen habe, so wäre die Antwort, die ich nicht gebe wohl die, die es am besten beschreiben würde.
„Ich ging um meine Heimat zu finden.“
Vermutlich wirke ich auf die meisten anderen wie ein dummer Esel, wenn sie mich sprechen hören und ich nicht einen Satz richtig heraus bringe, aber lieber bin ich ein dummer Esel in einem fremden Land, als Nutzvieh in Khitai.
„Du wirst geboren als Bettler und du stirbst als Bettler, ganz gleich was auch immer du versuchst.“
Und manchmal, wenn man nicht damit rechnet, werden aus den Kindern die man in Paikang so oft auf der Straße sah doch erwachsene Menschen.
„Alles schlechte das du anderen Menschen antust, wird eines Tages auch dir wiederfahren.“
Wir werden sehen wie viel Wahrheit in diesen Worten steckt, alter Mann...
Abschnitt 2
„Du solltest doch auf die Reisfelder gehen und etwas Geld nach Hause schaffen!“
Es klatschte einmal und ein kleines Mädchen fiel zu Boden.
„Aber sie haben gesagt, ich sei zu klein zum Arbeiten auf dem Feld!“
Ein Schluchzen war von dem kleinen Mädchen zu vernehmen.
„Und wie willst du dir dann dein Abendessen für heute verdienen?“ gab eine raue, alte und weibliche Stimme zurück. „Ich kann dich nicht durchfüttern. Sieh zu wie du an etwas zu essen kommst.“
„Du wirst schon sehen, ich schaffe es schon an mein Abendessen zu kommen!“ gab die Kleine trotzig zurück und versuchte dabei immer wieder die aufsteigenden Tränen aus ihrem Gesicht zu wischen. Rauch umhüllte das Kind, als es sich vom Fussboden erhob.
„Ich brauche deine Hilfe dafür nicht.“ meinte sie, ehe die wirren Strähnen ihre Augen wieder verdeckten und sie sich der Tür zur Straße zuwandte und in das Getümmel der Stadt verschwand.
Abschnitt 3
„Ich habe nichts getan! Ich war es nicht!“ schrie das junge Mädchen und versuchte sich aus dem festen Griff des Mannes zu befreien. „Bitte, ich habe nichts getan!“
„Das sagen sie alle. Halt still, dann ist es schneller vorbei.“
Mit beiden Füßen strampelte sie während ihr Arm fest auf den Tisch gedrückt wurde. Die Tränen rannen ihr mittlerweile in Strömen die Wangen hinab. „Ich war es wirklich nicht. Bitte, bitte nicht!“
Doch alles Flehen schien umsonst. Der reiche Herr stand die ganze Zeit über mit eiserner Mine hinter ihr und beobachtete das Schauspiel. „Sei froh, dass du deine Hand behalten darfst.“
Als das glühende Eisen aus der Kohle gezogen wurde schrie das Mädchen nur noch mehr auf und trat mit den Füßen gegen den Tisch auf dem ihr Arm fixiert wurde. „Ihr habt doch gar nichts bei mir gefunden!“ gab sie nur noch schluchzend und flehend von sich, doch alle Mühe war umsonst und kurz darauf hörte man einen markerschütternden Schrei und roch den Gestank verbrannter Haut.
„Raus mit dir! Ich werde keine Diebin durchfüttern!“
Sie landete auf der Straße, als die alte Frau ihren Haarschopf los gelassen und sie mit Wucht hinaus gestoßen hatte. Der Verband an ihrem rechten Unterarm war mehr ein verdrecktes Tuch und milderte weder den Schmerz der Verletzung, noch die Schande.
„Ich habe das nicht getan...“ gab das junge Mädchen nur von sich, während sie den Boden unter sich anstarrte und vergebens versuchte gegen die Tränen anzukämpfen.
Abschnitt 4
Es hatte begonnen zu regnen während sie an der Hauswand gelehnt und ihrer Verzweiflung Ausdruck verliehen hatte. Der Regen wurde stärker und durchnässte ihre Kleidung, doch bewegte sie sich nicht ein Stück. Auch nicht, als diese leisen Schritte sich mit dem „Plitsch, Platsch“ über die Straße bewegten und vor ihr verstummten.
„Ich bin nicht käuflich, geh weg.“ Es folgte nur ein Schweigen in dem die Tränen des Mädchens versiegten. „Jeder Mensch ist käuflich auf die eine oder andere Weise.“ Kurz hörte man die nassen Schritte ein wenig auf das junge Mädchen zugehen. „Auch du hast etwas, das du mehr als alles andere in der Welt haben willst.“ Auf die Worte des offensichtlich fremden Mannes gab das Mädchen nur ein patziges „Kann schon sein“ zurück.
Wieder folgte ein Moment des Schweigens ehe der alte Mann das Wort wieder ergriff. „Dein Arm, bist du eine Sklavin oder eine Diebin?“ In dem Moment schien sich etwas in dem Mädchen zu regen und sie erhob sich, reckte das Kinn ein wenig empor und versuchte so stolz drein zu blicken wie sie in jenem Moment nur konnte. „Ich bin Limay. Ich bin keine Sklavin und keine Diebin!“ „Der Verband zeigt mir etwas anderes.“ Sie senkte wieder den Kopf und schaute regelrecht grimmig auf das durchtränkte Tuch, das man ihr erst am heutigen Tage um den Arm gebunden hatte, um die Wunde sauber zu halten. „Ich bin das nicht gewesen.“ „Wärst du es gerne gewesen, nun da du ohnehin gebrandmarkt bist, bis an dein Ende?“ Das Mädchen ruckte den Kopf wieder zu dem Mann herum und schaute ihn stumm und förmlich wütend an. Der alte Mann lachte auf und lächelte dann milde. Der Regen rann den Beiden in diesem Augenblick der Stille übers Gesicht. Er schien auf ihre Antwort zu warten, welche dann nach einem Moment folgte. „Dann hätte ich zumindest für heute Abend ein Dach über dem Kopf.“
Der Alte streckte Einladend den rechten Arm in ihre Richtung aus, während er mit dem Linken die Straße hinab deutete. „Komm, du musst aus dem Regen heraus.“ „Ich bin nicht käuflich.“ Gab das Mädchen nur wie eine einstudierte Predigt wieder von sich. „Keine Sorge. Wenn es etwas gibt das ich nicht haben will, dann ist es ein kleines Kind das mich bedient und bespielt. Aber....“ Er hielt einen Augenblick inne und betrachtete sie mit diesem milden Lächeln. „Die Götter erweisen nicht jedem die Gnade auf der Straße zu überleben.“ Er ließ dann seinen Blick einen Moment an ihr hinab wandern. „Und wenn ich mir dich so ansehe, sind sie bisher bei dir nicht sonderlich gnädig gewesen. Es ist deine Wahl ob du leben oder sterben willst.“ Sie musste nur kurz überlegen ehe sie dann die wenigen letzten Schritte auf den Fremden zutat und er darauf sofort seinen Umhang um das dürre Kind legte. „Wir werden dich schon mit der Gnade der Götter segnen. Hab keine Angst.“
Und so gingen ein alter Mann und ein junges Mädchen in einer stürmischen Nacht eine Straße in Paikang entlang und verschwanden unter dem Plätschern des Regens in der Dunkelheit.
Abschnitt 5

Die Sonne stand hoch über dem Innenhof des Gebäudes. Der Steingarten glitzerte, zusammen mit dem in kreisen geharkten, weißen, feinen Sand in der Sonne. Das Plätschern des kleinen Brunnens gebar eine wohltuende Ruhe. Der Apfelbaum im Zentrum des Gartens gab immer wieder ein leises Rascheln von sich, wenn der Wind mit seichtem Griff durch den Hof wehte. Der Gang, der um dieses Atrium führte, war etwas erhöht und auf hölzerne Säulen gestützt. Die weißen Papierwände rings herum verbargen den Blick in die Räume. Ein älterer Mann saß im Schatten auf den sauber geschrubbten Planken des Innenganges. Neben ihm konnte man eine Schüssel mit Nudeln erkennen und eine Kanne Tee. Zwei Becher standen neben der Kanne und dampften vor sich hin, waren wohl gerade mit frischem heißem Wasser aufgefüllt worden.
Der alte Mann saß schweigend und im Schneidersitz da. Ein Stock lag über seinem Schoß, doch als ein leises klingeln die Stille des Gartens durchfuhr erhob er sich mühsam, den Stock in der Rechten als Stütze und ging einige Schritte auf den Baum zu. Er hob seine Linke und fuhr dann mit dieser in einer schnellen Bewegung wieder hinab. Ein leises Klatschen ertönte als seine Hand den Hinterkopf eines heranwachsenden Mädchens berührte. „Und noch einmal“ meinte er, ehe er sich wieder herum wandte und zurück zu dem kleinen Gedeck auf dem Boden des Ganges ging.
Das Mädchen stand da und rieb sich den Hinterkopf, während sie eine lebensgroße Holzpuppe, in feine, khitaiische Gewänder gekleidet, vor sich mit grimmigem, fast tadelndem Blick anstarrte. Sie war noch nicht erwachsen, man konnte ihr jedoch ansehen dass nicht mehr viele Jahre fehlten, ehe sie dieses Alter erreichen würde. Die Brüste kaum zu erahnen, die Hüften noch fast die eines jungen Mannes und die Figur eher hager als wirklich weiblich. Und doch, das Gesicht zeigte mit den feinen und sanften Gesichtszügen einem jeden, das sie einmal eine hübsche Frau werden könnte.
Ihre Haut war blass, noch blasser als die, die man einer Geisha wünschen würde. Und auch wenn sie hier wieder in der Sonne stand, so schien das ihrer Blässe nie entgegen zu wirken. Das schwarze Haar war kurz, reichte nicht tiefer als bis zum Nacken und viele der Strähnen vielen ihr vor die Stirn, doch hinderte ein einfaches Tuch den Rest des Schopfes daran ihr vor die tiefdunkelbraunen Augen zu fallen.
Sie nahm wieder Haltung an und streckte den rechten Arm nach der Öffnung des Übergewandes aus, wobei sich eine Narbe an ihrem Unterarm offenbarte. Wie das Brandmal das man Nutzvieh aufzudrücken pflegte, zeichnete es sich etwas dunkler auf ihrer Haut ab. ‚Dieb‘. Und doch war für jeden, der einen Blick in diesen Garten warf, ersichtlich, dass sie dieses Handwerk gerade erst erlernte.
Wieder ließ sie ihre Hand langsam unter den Stoff der Robe gleiten und kein Ton entrann dem Glöckchen, ebenso wenig seinen Brüdern, die überall an den Gewändern des Holzmannes befestigt waren. Erst als sie die Hand zurück zog ertönte das klingelnde Geräusch erneut und man hörte sie darauf leise fluchen und sah das sie sich bereits wieder etwas duckte, in der Erwartung erneut einen leichten Schlag auf den Hinterkopf zu bekommen, doch blieb dieser in jenem Moment aus und der alte Mann erhob nur seine ruhige Stimme in ihre Richtung. „Nüsheng*, komm her.“ Ein weiteres, resigniertes Seufzen war von der kleinen Khitai zu hören, ehe sie sich herum wandte und auf den alten Mann zu ging.
„Ja, Shi*?“ meinte sie, als sie sich vor dem Mann aufstellte. Ihr Kopf war leicht gesenkt und der Blick mehr auf den Boden als in das Gesicht ihres Meisters gerichtet.
„Setz dich.“ Gab er mit einer leichten Bewegung zu seiner Rechten von sich. Mit einigen raschen Schritten setzte sie sich auf die von ihm gedeutete Seite und er griff nach der zwischen ihm und ihr stehenden Teekanne und goss noch etwas von dem heißen Wasser in die zwei Becher, ehe er ihr einen der Beiden reichte. Sie verbeugte sich leicht, eher wohl war es ein tiefes Nicken, während sie den Teebecher nahm um die Hände dann in ihren Schoß zu senken.
„Du bist zu ungeduldig, Nüsheng.“ Er nahm den anderen Becher auf und pustete einmal in dieses, dass der Dampf sich verteilte, ehe er mit einem lauten Schlürfen einen Schluck genehmigte.
„Shi?“ war das einzige, das Limay darauf erwiderte, dann geduldig wartete bis er der Meinung war weiter darauf einzugehen.
Der alte Mann saß da und blickte einen Moment in den Garten hinaus. Stille legte sich wieder in die Umgebung und man hörte nur seinen schweren Atem. Sein Gesicht war mittlerweile von tiefen Falten gezeichnet und doch konnten diese nicht die feinen Narben verbergen, welche sich hier und da an seinen Wangen abzeichneten. Seine Hände, die immer noch den Becher fest umschlossen hielten, waren nicht rau. Trotz der Falten die sich auch auf diesen zeigten, konnte man erkennen, dass dieser Mann nie harte Arbeit auf dem Feld verrichtete hatte. Langsam ließ er den Becher sinken und hob seine Rechte zu seinem haarlosen Schädel hinauf. Er rieb sich einen Moment vom Hinterkopf zur Stirn. Der Ärmel seines Gewandes rutschte dabei ein Stück weit hinab und man konnte eine Tätowierung erkennen. Ein Drache der sich um seinen Unterarm zu schlingen schien. Auch Limay wusste nicht, wie weit dieses Bild sich am Körper des Alten hinauf schlängelte und genauso wenig kannte sie die Bedeutung des Bildes, aber hatte sie auch nie gewagt danach zu fragen.
„Du näherst dich deinem Ziel“, meinte er dann mit leiser Stimme. „Du näherst dich ruhig und besonnen, aber wenn du es dann zum Greifen nahe hast, wirst du ungeduldig und willst es sofort an dich reißen.“ Wieder hob er den Becher zu seinen Lippen und genoss geräuschvoll einen weiteren Schluck. „Es braucht Geduld um seine Ziele zu erreichen. Niemand kann ohne Geduld wahre Stärke erlangen.“ Er deutete mit einer leichten Bewegung des Kopfes vor sich in den Garten und sofort darauf wandte Limay den Blick in eben jene Richtung. „Denkst du, dass diese Schönheit an nur einem Tag erschaffen wurde?“ Limay wandte den Blick wieder auf ihren Meister und deutete ein Kopfschütteln an. „Nein Shi, das denke ich nicht.“ „Wieso glaubst du dann, dass das erlangen deines Zieles schneller gehen sollte?“ Wieder kehrte einen Moment Stille in den Garten. „Dieser Baum unter dem du deine Finger übst, als ich ihn pflanzte, war ich der Xuesheng* und mein Shi sagte damals zu mir ‚Lerne von ihm, er wird dir etwas Wichtiges zeigen‘. Weißt du was mein alter Shi mit diesen Worten meinte?“
Limay’s Blick wanderte wieder zu dem Baum welcher mit seinen gewaltigen Ästen und dem Schatten den er in den Garten warf das gesamte Bild dominierte. Es dauerte einen langen Moment, ehe die junge Khitai ihm antwortete.
„Das der Baum Zeit braucht um zu wachsen und das man Geduld haben muss, bis er einmal zu dem wird, was er werden soll?“
Ihr Meister nickte einmal, fügte dann an: „Und das man nicht immer sehen wird, was die eigenen Taten oder Ideen für Früchte tragen werden.“ Der alte Mann richtete seinen Blick auf die junge Frau. „Mein Shi verstarb, noch ehe der Baum die Hälfte seiner heutigen Größe erreicht hatte. Aber er wusste schon damals, dass dies der rechte Ort für einen großen und starken Baum sein würde.“ Der alte Mann richtete seinen Blick wieder auf den Baum im Zentrum des Gartens. „Alles braucht Geduld. Aber besonders die Dinge, die wir uns am Meisten wünschen und die uns am Schönsten oder Wichtigsten erscheinen brauchen viel davon.“ Er deutete dann auf die Puppe welche unter dem Baum starr verharrte. „Trink deinen Tee, denk darüber nach und dann...“Ein Schmunzeln wanderte über seine alten Gesichtszüge. „...versuch es erneut.“
*Shi - Meister, Vorbild, Lehrer
*Nüsheng - Schülerin
*Xuesheng - Schüler, Student
Abschnitt 6

„Ich will dir etwas von Ehre erzählen, Nüsheng.“Die Blätter des Baumes waren mittlerweile am welken und die Früchte die der Baum trug zeichneten sich prall und rot zwischen den Ästen ab. Limay setzte den Korb mit den eingesammelten Äpfeln unter dem Baum ab und gab ein leises Schnaufen von sich. Ganz offensichtlich war die Arbeit nicht leicht und an den im hinteren Garten stehenden Körben die bereits prall gefüllt waren konnte man erkennen, dass sie schon seit längerem mit dieser Tätigkeit beschäftigt war. Wieder saß der alte Meister an seinem Platz unter dem Innengang des Innenhofes und hatte zwischen sich und ihren Platz eine Kanne mit heißem Wasser und zwei Teebecher platziert. Mit einer schlichten Geste deutete er ihr an sich zu setzen. Und sie tat wie ihr geheißen.
„Die Arbeit macht hungrig, nicht war Nüsheng?“ Limay nickte und wie auf ein Stichwort hin hörte man ihren Magen knurren. „Erahnst du warum du diese Arbeit verrichten sollst?“ Limay griff nach dem Becher Tee den er ihr bei den Worten reichte und pustete einen Moment in diesen ehe sie antwortete. „Weil sie gemacht werden muss?“
Ihr Meister lachte einmal rau und rauchig auf, nickte dann sachte. „Auch. Aber es hat noch einen Grund.“ Auch er pustete nun in seinen Becher und wie eine alte Angewohnheit verfiel er wieder einen Augenblick in dieses Schweigen während er den im Herbst liegenden Garten betrachtete. „Eine der wichtigsten Lektionen hast du schon gelernt. Jede Aufgabe die dir einer deiner kommenden Zhu* geben wird, musst du ohne zu fragen erfüllen. Deine Aufgabe wird es nicht sein etwas zu hinterfragen. Wenn ein Zhu einen Auftrag erteilt, so ist es nicht der Diener der dies hinterfragt. Ein Diener ist nur die Hand des Zhu’s, welche die Bewegung ausführt.“ Limay nickte leicht während sie den Worten ihres Meisters lauschte. „Niemals wirst du Lohn nehmen für etwas, das du noch nicht getan hast. Der Lohn für eine Aufgabe wird erst genommen, wenn der Zhu zufrieden ist.“ Er wandte den Blick auf die junge Khitai. „Im Moment bin ich dein Shi, doch nehme ich auch den Platz deines Zhu ein. Dass ich dir sagte, dass es nicht eher dein Abendessen geben wird, als bis alle Äpfel in den Körben sind, ist keine Strafe sondern nur eine weitere Lektion. Nimm niemals Geld für etwas, für das du nicht hart gearbeitet hast. Alles andere wären Almosen und diese hat jemand wie wir nicht nötig. Hast du verstanden?“ Es dauerte einen Moment bis die junge Khitai nickte, doch dann begann sie leise zu sprechen. „Shi, was wenn der Zhu einem ein Geschenk gibt? Oder ein anderer? Wären das nicht auch Almosen?“ Mit einem schlürfenden Geräusch nahm der Alte etwas Tee zu sich und ebenso die Zeit über die Frage nachzudenken.
„Ein Geschenk oder Almosen. Wo liegt der Unterschied?“ Er richtete sein Augenmerk wieder auf Limay, doch diese schaute ihn nur abwartend und mit fragendem Ausdruck an. Er gab dann ein leises Seufzen von sich und sprach: „Ein Geschenk kommt von Herzen. Ein Geschenk ist nichts, das man erbitten muss. Ein Geschenk ist nichts, das man erarbeiten muss. Ein Geschenk ist eine Geste der Zuneigung, Nüsheng.“ Einen Moment schwieg er, lies abermals den Blick über den im Herbst liegenden Garten wandern. „Almosen hingegen bedeutet Mitleid. Willst du das Mitleid anderer?“ Er sah nicht zu ihr, sah so auch nicht wie sie den Kopf schüttelte. „Almosen meine liebe Nüsheng sind die letzte Form dessen, was dir deine Zunyan* nehmen kann. Wenn du auch alles andere verlieren solltest, wahre deine Zunyan. Es ist am Ende alles was du hast.“ Lima gab ein kurzes Nicken von sich und trank rasch den letzten Schluck ihres Tees, ehe sie ihren Meister alleine in dem Innengang zurück lies und sich wieder daran machte die Körbe mit Äpfeln zu füllen.
*Zhu - Eigentümer, Meister, Herr
*Zunyan - Würde, Ehre
Abschnitt 7

Es war der sechzehnte Frühling den sie erleben durfte. An diesem Morgen war sie nicht ausgeruht, hatte nicht die Nacht über durchgeschlafen wie ihr Meister es ihr sonst immer aufgetragen hatte. In dieser Nacht war sie das erste Mal durch die Straßen Paikangs geschlichen und hatte die letzte Prüfung abgelegt die sie zu absolvieren hatte um nun das Geschenk ihres Meisters zu empfangen.
Als sie das Anwesen, das er sein Heim nannte, betrat, war er nicht im Innenhof wie es für ihn üblich war. Sie schritt, die Müdigkeit der Nacht noch in den Knochen, den Innengang um das Atrium herum und trat in eine der Kammern. Nicht ein Fenster erhellte den Raum. Nur die unzähligen Kerzen welche sich im Raum ausbreiteten spendeten ein fast schon unheilvoll wirkendes Licht. In Mitten des Raumes, vor einer sorgsam ausgebreiteten Bambusmatte saß ihr Meister. Gehüllt in eine schlichte, weiße Leinenrobe auf seinen Knien da. Die Augen geschlossen rührte er sich auch nicht als das leise Geräusch ertönte als Limay die Tür bei Seite schob und eintrat. Neben ihm war eine Schale zu sehen, ebenso ein kleines Gefäß das ein wenig einer Vase ähnelte. Neben diesen Beiden Gegenständen lag ein länglicher, nach vorne weg schmaler werdender Stock und einige noch kleinere Gefäße in denen man etwas Farbe erkennen konnte. Unter den kleinen Gefäßen waren einige Leinentücher ausgebreitet, ebenso weiß wie die Robe des Meisters.
Limay schob leise die Tür hinter sich wieder zu, so dass diese fast kein Geräusch dabei von sich gab. Mit vorsichtigen Schritten ging sie auf ihren Meister zu, kniete sich dann auf der anderen Seite der Matte nieder und senkte ihr Haupt. „Shi, ich habe getan wie verlangt.“ „Sag mir Nüsheng, welche Weise hast du gewählt?“ Und auf die Frage ihres Meisters hin begann Limay einige Gegenstände aus einer Gürteltasche zu holen und auf der Matte auszubreiten. Ein Beutel, einige Wurfmesser, eine kleine Armbrust und die dazu gehörigen Bolzen sowie zwei Dolche deren Klingen letzte Reste von Blut aufwiesen.
Nun erst, als hätte er auf eben diesen Moment gewartet öffnete ihr Meister die Augen und betrachtete jene Gegenstände genau. Einen langen Moment hielt er den Blick nur hinab gerichtet, ehe er alles langsam nahm und sorgfältig neben die Matte legte. „Gut, du hast deine Wahl getroffen. Nun leg dich hin und sage mir welche Stelle es sein soll die dir am geeignetsten erscheint.“ Es dauerte einen Moment ehe die kleine Khitai sich auf der Matte ausgebreitet hatte und einen weiteren, zögerlichen Augenblick ehe sie dann die Hose welche ihre Hüften und Beine bedeckt hatte hinab zog. „Ich möchte, dass es niemand zu sehen bekommt, dem ich nicht so sehr vertraue, als das er auch so tief blicken darf.“ Ungerührt griff ihr Meister dann zu dem langen Stock neben ihm und tauchte dessen Spitze in eines der Gefäße welches ein tiefes und kräftiges Rot enthielt. „Eine gute Wahl für dich, Nüsheng. Und ebenso war die Wahl deines Weges eine Gute.“ Meinte er, ehe er begann knapp oberhalb der Hüfte der jungen Frau die Spitze des Stöckchens anzulegen und dann, als würde es keiner weiteren Worte brauchen, das Ende in die Haut fahren zu lassen. Immer und immer wieder.
Bei den ersten Stichen noch verbissen die Haltung wahrend konnte man nach einigen Stunden dann doch das leise Zischen hören, welches entstand, wenn Limay die Luft scharf zwischen ihren Zähnen hinweg einzog. Immer wieder verzog sie ein wenig das Gesicht, doch am Ende war sie vielleicht auch zu stolz um dem Schmerz dieser Prozedur mehr Ausdruck zu verleihen.
Anmerkung: Um zu verdeutlichen was genau diese Prozedur war, habe ich einen Link heraus gesucht von der traditionellen Art und Weise der asiatischen (in diesem Fall japanischen) Tätowierung. Einige werden diese Methode vielleicht schon kennen, in den asiatischen Ländern werden sie in vielen verschiedenen Arten ausgeübt (Borneo zum Beispiel hat ein etwas anderes Verfahren) aber generell ist dies die Art, wie zur damaligen Zeit Tätowierungen vorgenommen wurden.
-> http://www.youtube.com/watch?v=jis7R9Gd4DQ
Abschnitt 8

Es war nicht ein Geräusch oder ein Duft. Nein, es war das unbestimmte Gefühl beobachtet zu werden das die kleine Khitai dazu verleitete die Augen aufzureißen in diesem Winter der ihr siebzehnter war. Das Aufblitzen einer Klinge über ihr regte den Reflex sich zur Seite zu drehen und noch ehe sie selbst wusste was geschah, hatte sie dem Besitzer der Waffe einen Fuß ins Gesicht gerammt und war dieser unter einem schmerzerfüllten Aufkeuchen in sich gesackt. Die eine Hand an seiner Nase, in der Anderen immer noch die Klinge hockte er noch einen Augenblick so da. Eine flinke Bewegung um die Gestalt, ein letzter Tritt in seinen Rücken. Dann hockte sie sich auf den Körper des Mannes, griff nach seinem Schopf, schlang den rechten und den linken Arm um seinen Kopf und mit einer kräftigen und ruckartigen Bewegung ertönte ein letztes, lautes Knacken, ehe der Körper dann unter ihr leblos zusammen sackte und sie sich nun erst die Mühe machte sich umzusehen.
Hinter den Papierzellen der Tür die zu ihrem Zimmer führte flackerte es bedrohlich hell auf und die Schatten der Umgebung tanzten an der gegenüberliegenden Wand, als wäre das gesamte Anwesen von Fremden in schwarzer Kleidung überrannt worden und wären diese nun dabei ein Fest ihres Sieges wegen zu feiern. Doch waren es keine Menschen deren Schatten man an den Wänden tanzen sah und langsam aber stetig grub sich der Gestank von brennendem Holz und Asche in ihre Nase.
Starr und als müsse sie erst begreifen was all dies zu bedeuten hatte, blickte sie einen Moment dem Lichtschein entgegen, ehe sie nach der Klinge des Toten griff und diese an sich nahm. Nicht ein Mann alleine konnte hier eingedrungen sein. Sie stieß die Tür bei Seite und dort zeigte sich ihr das schreckliche Bild welches sich schon durch das Lichtspiel hatte erahnen lassen. Der gesamte Hof wurde von einem Flammenmeer erhellt. Die Dachbalken brannten bereits lichterloh und gruben sich langsam abwärts durch das nur aus Holz erbaute Anwesen. Die Wände und Türen welche aus Papier bestanden hatten bereits durch den Flug der Funken Feuer gefangen und es würde nicht mehr lange dauern bis die Hitze einem die Haut versengte. Sie wollte schon aufschreien, nach ihrem Meister rufen als sie sich eines besseren besann. ‘Nicht ein Mann kann dies alleine gewesen sein.‘ Und so schlich sie sich an der Innenseite des Ganges der das Atrium umschlang entlang und versuchte jeden Winkel der sie umgab im Auge zu behalten, während sie sich zielsicher auf das Zimmer ihres Lehrmeisters zubewegte.
An der Schiebetür angelangt machte sie sich nicht die Mühe diese vorsichtig zu öffnen. Wer auch immer hier eingedrungen war, es wäre töricht gewesen noch lange an jenem Ort zu verweilen, so schnell wie die Flammen sich tiefer ins Haus gruben. Man spürte die Hitze bereits deutlich und auch Limay wusste, dass das Dach über ihr lichterloh brannte. Und dennoch musste sie wissen was mit ihrem Meister war.
Einen Moment huschte ihr Blick umher, suchte in dem immer wieder flackernden Licht und den tanzenden Schatten die Gestalt des alten Meisters, doch war sein Lager leer, alles was zu sehen war in dem Raum, waren umgestoßene Vasen, Scherben die sich auf dem Boden verteilten, Gegenstände die wild im Raum verstreut lagen und Kleider die sich auf dem Grund ausbreiteten. Und dann, aus dem uneinsehbaren Dunkel einer Ecke ertönte ein kratziges und schwaches „Nüsheng“. Nur kurz noch huschten Limay’s Blicke durch den Raum ehe sie sicher war, alleine zu sein. Mit großen Schritten huschte sie in jene Ecke, warf einen umgeworfenen Paravent bei Seite und entdeckte darunter den geschundenen Leib ihres Meisters. Er hustete als sie seinen Kopf ein wenig anhob und verkrampfte sich nur noch mehr. „Shi, shi! Alles brennt. Wir müssen hier raus, bitte. Schnell, ihr müsst euch aufraffen. Wir haben keine Zeit!“ Es schien so als wolle sie nicht sehen, was jedem anderen sicher direkt ins Auge gefallen war.
Die Beine des alten Mannes waren gebrochen und selbst wenn man kein Heiler war, so hätte man es an der abnormalen Lage dieser erkennen können. Seine Hände waren verkrampft und erst nach einem Moment da die zierlichen Arme der kleinen Khitai versuchten sich um den Leib ihres Meisters zu schlingen und ihm aufzuhelfen löste er die Faust und zeigte, das ihm jeder einzelne Finger am zweiten Glied abgetrennt worden war. Augenblicklich als auch sie es sah, ließ sie von ihrem Meister ab und starrte ungläubig und dann mit langsam aufsteigenden Tränen auf das, was man ihrem Shi angetan hatte. Und erst jetzt, nun da sie erkannte das er nicht einfach nur zu alt war um sich von diesem Schreck zu erheben, erkannte sie, das man ihn unzählige Male mit einem Messer angegriffen und gefoltert hatte. Schnell huschte ihr Blick auf die Klinge an ihrem Gürtel und so rasch sie konnte warf sie das Messer des fremden, toten Mannes welcher noch in ihrem Zimmer lag von sich ehe ihr Blick sich wieder auf das Gesicht ihres Meisters legte. „Shi...“ war alles das ihrer Kehle entrann, welche sich langsam zuschnürte.
„Mach dir keine Sorgen, Nüsheng“ gab der alte keuchend von sich. „Ich habe es verdient und ich bin nur froh, dass du es nicht bist, die ich am Ende mit mir nehme.“
„Shi, wie könnt ihr so etwas sagen?! Das hat niemand verdient! Ich ... lasst mich euch helfen, bitte!“ Sie begann unter Tränen wieder an dem Leib des Alten zu zerren welcher nur ein gequältes Raunen von sich gab und mit einer müden Geste seiner verstümmelten Hand Limay Einhalt gebot. „Es ist schon gut. Alles schlechte das du anderen Menschen antust, wird irgendwann auch dir wiederfahren. Denk daran Nüsheng. Denkt daran und vergiss es nicht.“ Er verkrampfte sich einen Moment, begann dann zu husten und am Ende spuckte er ein wenig Blut auf seine ohnehin schon rot durchtränkte Kleidung. Ein leises Knacken und Knarren im Balken über den Beiden ließ sie wissen, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Der Blick des alten Meisters wanderte dann wieder zu seiner Schülerin hinauf und sie erwiderte ihn einen Moment. „Ohne euch weiß ich nicht wohin, Cifu.*“ Gab sie dann wie ein Flehen von sich. „Heimat ist dort, wo sich dein Herz zu Hause fühlt, Limay. Du wirst eine Neue finden, da bin ich mir sicher.“ Er hob eine der nun verkümmerten Hände und führte sie an die Wange der jungen Khitai. Es war das erste Mal, dass er sie in dieser Weise berührte und auch wenn der Gestank seines Blutes sicher an Limay Nase drang, so musste sie unter den Tränen doch lächeln. „Zwölf Jahre, achte auf dich.“ Er brach in ein weiteres Husten aus und seine Hand verkrampfte sich an ihrer Wange. „Wodehaizi*.“ Die letzten Worte, ehe sein Kopf zurück fiel und seine Augen sich nach oben hinweg verdrehten. „Das werde ich, Cifu. Ich werde dich stolz machen“ meinte sie schluchzend während sie ihren Kopf an seiner Brust vergrub, ungeachtet des Blutes, des Todes der sie in jenem Moment umgab. Ungeachtet der knarrenden Balken über sich bis einer von ihnen brach und sie dazu zwang von der Leiche ihres Lehrmeisters abzulassen und sich erneut bei Seite zu rollen. Schnell dann sah sie sich nach etwas um das es wert gewesen wäre noch an sich zu nehmen, als sie sich wieder auf ihre Beine gerafft hatte. Doch alles was sie als Erinnerung hätte mit sich nehmen können war bereits durch das Feuer oder den Kampf der voraus gegangen war zerstört worden und so blieb ihr nichts außer dem, was sie am Leibe trug, ein weiteres Mal in ihrem Leben.
Es dauerte lange. Stunden stand sie vielleicht sogar vor dem brennenden Anwesen, ehe sie sich abwenden konnte. Stunden in denen sie Tränen vergoss, Flüche ausstieß gegen alle Götter die ihr nicht gewogen waren, Flüche gegen jene die dieses Unheil zu verantworten hatten, Flüche gegen jene die ihr noch auf ihrer Reise im Wege stehen würden. Gebete für ihren Mentor und Ziehvater. Doch am Ende, als sie sich von den brennenden Resten abwandte waren es wieder nur Tränen und ein leiser Zweifel wohin sie nun gehen sollte...
*Cifu – Vater (Wobei dies nicht als leiblicher Vater erachtet werden kann, sondern eher als eine liebevolle Bezeichnung für einen vertrauten, älteren Menschen zu werten ist. - Vaterfigur)
*Wodehaizi – mein Kind


