Träume - 11 bis 18 (Amenteth Charaktergeschichte - Age of Conan)

~ fortsetzung ~

 

Teil 11

“Kennst du das Gefühl wenn man etwas genau weiß, sich absolut sicher ist in einer Sache?“

 

Ich spürte das sich ein Kopf auf meiner Brust bewegte, spürte das meine Finger durch halblanges Haar strichen. Meine Augen waren noch geschlossen, ich roch den Sand der Wüste, spürte das es kühler war als sonst, merkte durch meine Augenlider hindurch das es dunkel sein musste.

 

Es war ein Nicken auf mir, das ich spürte. War ein seichtes Nicken, das ich darauf erwiderte.

 

“Ich habe dieses Gefühl dabei, weiß das es so ist. Du lügst mich nicht an, wirst es nie tun, oder?“

 

Wieder eine Bewegung auf meiner Brust die ich spürte, ein Kopfschütteln. Ein Lächeln das sich dabei auf meinen Lippen ausbreitete. Ich spürte wie ich meinen Arm um den Körper legte, diesen Menschen der seinen Kopf auf meiner Brust nieder gelassen hatte.

 

Meine Augen öffneten sich und ich sah den klaren Himmel über uns. Hier in der Wüste konnte man jeden Stern sehen, konnte man in den Nächten die so entgegen gesetzt zu den heißen Tagen waren den Himmel und seine Sterne, den Mond, so klar erkennen, das es manchmal fast erschien, als könne man sie greifen.

 

Ich betrachtete das Firmament über mir und diesem Mann an meiner Seite. Versuchte Bilder aus den unzähligen Sternen zu formen.

 

“Wir bleiben zusammen, für immer. Ich weiß, das du nichts tun kannst das mich von dir wieder trennt.“

 

Ich spürte das sanfte Lächeln das diese Worte umspielte, spürte meine Umarmung die dabei noch fester wurde. Sah dann dabei zu wie sich das Firmament über mir langsam in Nichts auflöste als ich die Augen öffnete und erwachte...

 

...und einen Moment an die Wand mir gegenüber starrte. Langsam, fast schwerfällig drehte ich mich auf den Rücken. Ich schaute zur Zimmerdecke, musterte die feinen Risse dort als ich an diesen kurzen Augenblick in meinem Geist zurück dachte.

 

Langsam, dann immer mehr begann ich zu lachen. Leise nur, doch reichte es um mir selbst zu zeigen wie dumm es war. Ich schloss die Augen wieder, legte langsam meine Hand an meine Stirn.

 

Ein seichtes Kopfschütteln, zu mehr und diesem leisen, versucht unterdrückten Lachen war ich nicht im Stande. Dummheit und Träumerei gehen wohl manchmal Hand in Hand..

 

Ich versuchte das Lachen wieder in mir einzuschließen, ließ die Hand von meiner Stirn sinken. Mit geschlossenen Augen lag ich noch eine Weile so da, das amüsierte Schmunzeln jedoch wollte nicht von meinen Lippen weichen. Würde es wohl in dieser Nacht gar nicht mehr...

 

 

Teil 12

Es gibt Dinge in dieser Welt die man nicht anrühren sollte. Die Träume anderer Menschen gehören dazu, schätze ich. Es gibt dinge in dieser Welt die man nicht berühren sollte. Ich gehöre dazu, schätze ich. Zumindest dann wohl, wenn man meine Träume gewagt hat zu zerstören. 

 

Mein Blick ging auf den Pferdeleichnam zu meinen Füßen. Ich sah den Hunden dabei zu wie sie sich an dem Fleisch gütlich taten. Ein alter Gaul, mehr war er wohl nicht gewesen, begann nun unter der Sonne von Tarantia zu verrotten.

 

Ich habe doch so schön geschlafen. Warum wecken was so friedlich schläft?

 

Ich betrachtete die kleine Blutspur die vor meinen Füßen endete.

 

Bin ich denn wirklich schon so sehr erfroren? So sehr erfroren das es nicht mehr weh tut? Spüre ich die Kälte nun nicht mehr da ich erwacht bin? Ich habe dich in meinem Herzen getragen Sal... Jetzt bin ich aufgewacht, hab mein Herz in meinen Träumen gelassen.

 

Ich ließ langsam meine Hand hinauf wandern zu meiner Brust, legte sie dann auf diese, schloss die Augen dabei. Ich spürte nach einem Moment jeden Schlag in meiner Brust, spürte wie sich bei jedem Schlag das Blut durch meine Adern verteilte. Nur einen Moment konzentrieren und ich konnte das Geräusch der keuchenden Hunde vergessen, konnte ihr Schmatzen, ihr Knurren, ihr Fletschen ignorieren. Nur noch das Rauschen in meinen Ohren das ich hörte, die Sicherheit das mein Herz doch noch schlug.

 

Nehmt lieber Abstand zu mir, ich war gut damals.

 

Meine Hand griff nach dem Stoff der meine Brust verhüllte. Kurz glaubte ich so etwas wie Schmerz dort zu spüren. Doch so schnell es erschien, so schnell verschwand es auch wieder.

 

Ich bin aufgewacht... Der letzte Gedanke den ich hatte ehe ich in Träumen versank die mir zeigten wie schwarz man meine Seele hatte werden lassen. Wie sehr man meinen Geist zerstört hatte, damals nachdem etwas geschehen war das ich heute noch nicht wusste.

Alles war dunkel, ich hörte Stimmen. Ich spürte Stoff der meine Augen verhüllte, spürte Hände die meine Oberarme fest im Griff hielten.

 

“Sie wird dabei verrecken, das sag ich dir jetzt schon.“

 

„Selbst wenn, sie ist zu alt für den normalen Weg. Wenn sie stirbt war es herausgeworfenes Geld, wenn nicht kann man noch etwas aus ihr machen.“

 

Ich hörte wie das Rauschen in meinen Ohren lauter wurde, spürte wie mein Herz schneller schlug. Ein Atemzug an meinem Ohr, ich spürte ihn, spürte die warme Luft über meine Haut streichen als mir leise Worte zugeflüstert wurden.

 

“Es gibt nu reinen Weg hinaus aus diesem Raum. Töte was du dort findest. Was du dazu brauchst wirst du dort finden. Kein Wasser, kein Brot. Und die Sonne wird jeden Tag auf diesen Raum fallen. Wähle deine Zukunft.“

 

Mein Herz drohte aus der Brust zu springen nach diesen Worten. Ich hörte wie sich eine Tür quietschend öffnete. Hörte wie sie gegen eine Wand schlug. Die Schahniere waren alt, und ebenso alt roch die Luft die mir in dem Moment entgegen strömte. Stickig und warm. So warm das es fast nicht zu ertragen war sie ins Gesicht zu bekommen, doch unter all dem war noch etwas zu riechen. Etwas das ich noch nicht zuzuordnen wusste. Doch lag es so schwer in diesem Luftzug, das ich es fast hatte schmecken können.

 

Mit roher Gewalt stieß man mich in den Raum und ich konnte mich gerade noch auf meinen Händen abstützen um nicht mit dem Gesicht auf den Boden zu schlagen. Sofort darauf hörte ich die Tür wieder quietschen, hörte wie sie hinter mir zugeschlagen wurde.

 

Das Klimpern eines Schlosses, einer Kette war es, das meine Handbewegung begleitet als ich das Tuch um meine Augen langsam hinab zog.

 

Ein fast dunkler Raum, nur kleine Schlitze die etwas Licht in das dunkel fallen ließen. Es brauchte einen Augenblick ehe ich etwas mehr erkannte in dem Raum, etwas mehr erkannte in dem Halbdunkel.

 

Eine Gestalt saß in Ketten auf der anderen Seite, keuchte leise unter der Hitze in dieser Kammer. Die Hitze raubte einem fast die Luft zum atmen, ich spürte es selbst langsam, merkte das ich begann zu schwitzen. Sicher auch wegen der Hitze, doch noch mehr als ich erkannte was dort auf der anderen Seite in der Ecke hockte.

 

Ein Kind in Lumpen, in Fesseln gelegt und den Kopf gesenkt. Nur dumpf hörte ich die Stimmen noch hinter der Tür die mich hergebracht hatten. So schnell ich konnte, so schnell es mein Körper zuließ stand ich auf, hastete zur Tür hinüber, schlug mit den Bloßen Fäusten gegen das Holz.

 

"Das könnt ihr nicht machen! Lasst mich raus hier! Was für Monster seid ihr, das ihr so etwas verlangt?!“

 

Die Stimmen verstummten, ich schlug noch einige Male gegen das schwere Holz, doch nichts geschah. Kein Lachen, keine Stimmen, keine Schritte. Nichts mehr das ich hören konnte und mich wissen ließ das noch jemand zuhörte auf der anderen Seite.

 

Das kann nicht euer ernst sein... Der einzige Gedanke der mir durch den Kopf ging als ich mich langsam wieder dem Raum zuwandte, meinen Blick durch diesen wandern lies. Ich wollte ihn nicht ansehen, den scheinbaren Jungen der dort hockte, weiter schwieg, es nicht wagte mich anzusehen.

 

Nichts in diesem Raum gab es außer ihm, mir und dem was wir am Leib trugen. Der nackte Boden und langsam wusste ich was es war das noch in der Luft gelegen hatte außer dem Moder. Der kleine Spalt unter der Tür ließ gerade genug Licht in den Raum fallen dass ich die roten Flecken auf dem Boden erkennen konnte.

 

So viel Blut das der Lehmboden es schon in sich aufgenommen hatte. Nie mehr verschwinden würde. So viel Blut, dass der Boden den Geschmack den Blut inne hatte schon in die Luft trug.

 

Mein Blick verklärte sich, war ich fast der Ohnmacht nahe als ich mich an dem fast heißen Holz hinab sinken ließ, einen Moment ins leere blickte...


...und kurz riss mich das Gefühl einer Nase an meinem Gesicht aus dem Traum. Einer der Hunde, er schnupperte an mir. Ich spürte seine feuchte Nase auf meiner Haut, spürte seinen schnellen Atem in mein Gesicht stoßen.

 

“Ich bin noch nicht tot ...verschwinde...“ knurrte ich ihn aus dem Halbschlaf heraus an und hörte nur sein leises Schnauben als antwort, hörte seine Pfoten auf dem Pflaster der Gasse, die ihn zurück zu dem Pferdekadaver trugen.

 

Schnell zurück ..ich wollte es nicht und konnte es doch nicht verhindern. Zu groß die Neugierde, zu groß das Verlangen zu wissen was geschehen war.

 

 

Teil 13

Ich weiß nicht wie lange ich den Staubkörner dabei zusah wie sie in dem kleinen Lichtspalt tanzten, ich weiß nicht wie viele Gedanken mir in dieser Zeit durch den Kopf gingen, aber irgendwann konnte ich nicht mehr schweigen. Ich hob nicht den Blick, sah nur weiter in das Licht das hinter mir durch den Türspalt fiel.

 

“Wie heißt du?“

 

Ich hörte an den Ketten die seine Gelenke festhielten das er zusammen zuckte, sich plötzlich und unerwartet bewegt hatte.

 

„Meine Eltern gaben mir den Namen Tiris.“ Seine Stimme war leise, hörbar erschöpft. Etwas verkrampfte sich in meinem Magen. Keine wahre Übelkeit, doch hätte ich speien können, hätte ich es zugelassen.

 

“Wo sind deine Elter, Tiris?“ Meine Stimme klang monoton. Ich wusste nicht warum ich mit ihm sprach, vielleicht weil es mir die Zeit vertreiben würde, mich den langsam aufkommenden Durst und das leichte Hungergefühl vergessen lassen würde. Vielleicht war es auch nur Neugierde darauf wer da gegenüber von dieser Kammer saß.

 

„Das kann ich euch nicht sagen. Man trennte mich vor einiger Zeit von ihnen. Ich bin nicht stark genug gewesen um gekauft zu werden.“

 

So nüchtern, so selbstverständlich klang seine Antwort. Wieder dieser Krampf, dieses mal etwas höher, schnürte es mir fast die Luft ab.

 

“Du weißt warum wir beide hier sind?“ Fast wie von selbst kamen die Worte über meine Lippen, ich wollte sie nicht aussprechen, noch viel weniger wollte ich seine Antwort hören.

 

„Wenn man sich in diesem Raum umsieht weiß man was hier wohl schon geschah. Ich denke nicht das wir hier sind um zu reden.“

 

Wieder der Schmerz, nun ganz deutlich zu spüren an meinem Herzen. Ganz deutlich schnürte es mein Herz ein, verkrampfte sich dort und wollte einen Augenblick nicht loslassen.

 

“Wie lange bist du schon hier Tiris?“ Ich schloss die Augen bei den Worten. Reden, mehr wollte ich nicht. Die Hitze vergessen, den Durst, die trockene Kehle ignorieren. Die nach Blut stinkende Luft nicht beachten.

 

„Eine Weile. Bis ihr kamt sicher ein paar Stunden. Ich weiß es nicht genau, verzeiht mir.“

 

Ich lehnte den Kopf zurück an das von der Sonne aufgewärmte Holz der Tür. Ich roch für einen Augeblick den Sand, vernahm einen etwas kühleren Luftzug von draußen. Die Wüste, ich konnte sie riechen. Die Freiheit, jene Freiheit die ich als Sklavin zu erwarten hatte, sie wartete dort hinter der Tür auf mich.

 

“Wie lange lebst du schon in Ketten Tiris?“

 

„Seid ich denken kann. Es gab nie etwas anderes für mich.“ Ich hörte sein leises Husten, wusste das seine Kehle noch trockener sein musste als die meine. Ein paar Stunden mehr in diesem Raum und ich würde genauso beginnen zu Husten, würde genauso beginnen mich nicht mehr rühren zu wollen.

“Willst du eine Geschichte von der Freiheit hören Tiris? Eine Geschichte hören die man sich von der wahren Freiheit erzählt?“

 

„Ich...“ Er verstummte, ich öffnete wieder die Augen hob etwas den Kopf an und sah zu ihm hinüber. Der Glanz seiner Augen, ich konnte ihn schwach in dem Halbdunkel erkennen, wusste das er mich ansah.

 

Ich hob die Hand und machte ihm durch einen Wink deutlich das er näher kommen sollte. Er war erschöpft, das wusste ich. Und doch, mühsam begab er sich auf allen vieren zu mir. Bei jeder Bewegung hörte ich die Ketten an seinen Gelenken scheppern. Hörte ich wie sie über den Boden geschleißt wurden durch den kleinen, ausgemergelten Körper der immer mehr zu mir ins Licht kroch.

 

Er setzte sich stumm neben mich, zog seine Beine eng an seinen dürren Körper. So zerbrechlich wie Glas wirkte er so neben mir. Vorsichtig legte ich einen Arm um seine Schulter, zog ihn etwas dichter zu mir, spürte die Hitze seines Körpers nahe an mir und bereute sofort was ich getan hatte, doch wollte ihn auch nicht wieder von mir stoßen.

 

“Eine Geschichte über die wahre Freiheit die dort draußen wartet...“ Warum tat ich mir selbst das an? Ich wusste es nicht genau. Konnte es mir nicht erklären. Vielleicht um den Durst zu vergessen, die heiße Luft nicht so sehr zu bemerken. Immer wieder spürte ich sanft die kühlen Windstöße des Wüstenwindes durch die Ritzen der Holztür an meinen Rücken stoßen. Freiheit ...hinter dieser Tür.

 

Ich schloss die Augen, versuchte mir vorzustellen wie die Freiheit dort draußen aussehen musste. Versuchte mir vorzustellen wie ich mein Leben in Freiheit verbringen würde, hätte ich die Wahl.

 

“Freiheit...“ begann ich dann langsam, leise fast und so beruhigend wie ich unter der Hitze meine Stimme klingen lassen konnte. “Die Freiheit dort draußen ist so wie der Wind der Wüste. Du spürst den Wind auf deiner Haut. Spürst die Freiheit in deinem Innern. Wenn du über die Dünen der Wüste wanderst kann niemand dich greifen, niemand dir etwas tun. Niemand legt dich in Ketten. Alles was du tust, tust du weil du es willst. Wenn du an einer Oase vorüber gehst steht es dir frei dort zu trinken wenn du durst hast. Du kannst in das Wasser springen. Das kühle Wasser auf deiner Haut spüren. Stell dir nur vor, jetzt an einer Oase zu stehen und deine Füße ins Wasser zu halten. Wir würden zusammen dort sitzen Tiris. Ich würde neben dir sitzen und wir würden zusammen in dem Wasser baden.“

 

Ein lächeln huschte bei dem Gedanken, den Bildern die sich vor meinen Augen auftaten über meine Lippen.

 

“Und wenn wir uns rein gewaschen hätten, wenn wir genug Zeit an der Oase verbracht hätten, dann würden wir weiter reiten mit dem Pferd das ich dann hätte. Ich würde auf dem Pferd sitzen und du würdest deine Arme um mich legen. Wir würden weit reiten, so weit das uns niemand findet auf dieser Welt, und das nur weil wir es wollen. Wir würden den Wind spüren, das schnaufen des Pferdes hören das uns weiter trägt, immer weiter. Nichts könnte uns aufhalten, einfach nur weiter.“

 

Ich wartete einen Augenblick, lies das Bild an mir vorüber ziehen. “Wohin würdest du gerne reiten Tiris?“ Ich hörte seine Stimme so leise neben mir, so müde das ich wusste er würde bald unter meinen Worten einschlafen.

 

„Ich würde nach Tarantia reiten wollen. Dort ist es nicht so heiß. Dort gibt es Wiesen, Felder. Man kann so weit sehen ohne das die Sonne einen verbrennt. Der Wind dort ist kühler als hier und das Gras überall so grün wie man es hier nur an den Oasen finden kann.“

 

Ich nickte leicht bei seinen Worten, begann dann wieder leiser, mit einem Lächeln weiter zu sprechen.

 

“Dann würden wir so weit reiten, würden reiten bis wir dieses Land erreichen. Wir würden über die Wiesen reiten, immer weiter, dem Horizont entgegen. So weit dass das Pferd unter uns noch lauter Schnauben würde, noch etwas lauter atmen würde. Wir würden über die Felder dort reiten, würden dort in den Flüssen baden wenn du es willst. Du müsstest es nur sagen. Und irgendwann würde ich dich zu einem Haus bringen, ich würde dich von meinem Pferd heben und absetzen. Dieses Haus würde mir gehören ...und wir würden hinein gehen, etwas essen, etwas trinken und dann würden wir uns Geschichten erzählen. Geschichten davon was wir auf unserer Reise gesehen hätten. Wir würden lachen, wir würden uns ärgern. Und irgendwann würde es an der Tür klopfen, und weißt du wer dort stehen würde Tiris?“

 

Ein leises „..nein..“ kam über seine Lippen, ich hörte wie er langsam begann in träumen zu versinken. Ich öffnete die Augen einen Spalt, sah auf ihn hinab. Das dunkle, schmutzige Haar viel ihm schon fast ins Gesicht. Er würde einmal ein hübscher junger Mann sein, würde er mein alter erreichen. Doch für den Moment schlief er nun fast an meiner Seite ein. Noch etwas fester zog ich ihn an mich, klammerte mich fast an diesen zerbrechlichen kleinen Körper neben mir. Meine Stimme etwas erstickter dann als ich weiter sprach.

 

“Deine Eltern Tiris. Sie würden kommen und dich mit sich nehmen. Würden dich mit nehmen in dein eigenes Zuhause. Da müsstest du nie wieder durstig sein, nie wieder Hunger haben und nie wieder etwas tun was jemand dir sagt außer deinen Eltern." Ich spürte wie er sein Gesicht bei den Worten an meiner Brust vergrub. Wusste das es ihn in seinen Träumen freuen würde, in diesem kurzen Moment jedoch nur weh tat.

 

“Es tut nie lange weh Tiris, tut nur immer einen Moment weh. Behalte diese Bilder, schließ sie in dir ein. Es sind diese Oasen in der Wüste die das Schlimme nicht ganz so übel erscheinen lassen.“ Meine Stimme erstickte fast in dem Klos in meiner Kehle. Ich hörte wie Tiris’ Atem noch etwas ruhiger wurde. Spürte wie er begann zu schlafen, zu träumen.

 

Auch ich war nicht weit davon entfernt ...doch blieb ich wach, wollte nicht schlafen. Ich legte auch meinen Arm um ihn, lies ihn spüren das er nicht alleine war hier...

 

...und wieder spürte ich einen Hund an mir schnuppern, dieses mal war es mein Fuß den er anstieß, beschnüffelte.

 

Ein Tritt in die richtige Richtung, ein Jaulen, dann hatte ich wieder ruhe, drehte mich etwas der kalten, weißen Wand zu meiner Linken zu, lehnte meine Stirn an den Stein und versuchte zurück zu kehren in diese Kammer in meiner Erinnerung.

 

 

Teil 14

Stunden waren es gewesen, hatte ich dem kleinen Lichtstrahl dabei zugesehen wie er langsam verschwand, der Dunkelheit und dem nur fahlen Schein des Mondes gewichen war. Ich hatte nicht hier sein wollen, hatte weinen wollen an Tiris’ Seite, hatte schreien wollen mit dem Jungen in meinem Arm, hatte fluchen wollen. Ich hätte so gerne so viel anderes getan als ins Leere zu starren, dem Licht beim Verschwinden zuzusehen, doch hätte all das keinen Sinn gehabt.

 

Langsam sah ich wie der Lichtstrahl wieder heller wurde, wusste, das die Sonne langsam aufging. Ich spürte wie Tiris sich an meiner Seite bewegte. Ich wollte das nicht tun, alles in mir wehrte sich dagegen das zu tun was mich aus dieser Kammer befreien würde. Und doch war da ein letzter Funke der mich am Leben erhalten wollte. Und ich wusste nicht einmal warum.

 

’Ich will nicht sterben...’

 

Das war alles, ich wollte nicht sterben. Ich wollte leben, doch auf kosten eines Kindes das ich nicht kannte? Ich war doch selbst fast noch eines...

 

Ich stieß mit dem Hinterkopf an die Holztür hinter mir, ein dumpfes Geräusch das Tiris dabei aus dem Schlaf riss. Das Sprechen war mir nicht mehr gegeben. Viel zu trocken war mein Mund inzwischen geworden. Viel zu trocken meine Lippen. So schwer der Kopf das ich ihn am liebsten nur auf meinen Knien abgelegt hätte...

 

...und ein lautes Geräusch dann war es das mich die Augen plötzlich wieder aufreißen lies. Hatte ich geschlafen? War Zeit vergangen zwischen den Momenten? Ich wusste es nicht, lies nur erschrocken meinen Blick durch den Raum wandern und sah dann eine Luke durch die zwei dunkle Augen zu mir und Tiris hinab starrten.

 

So schnell wie dieses Türchen geöffnet worden war, so schnell schloss es sich auch wieder. Ich hätte hinterher rufen können, hätte versuchen können jemanden dahinter zu erreichen, doch hätte niemand meinen Worten gelauscht. Ebenso wenig wie die Stimmen hinter der Tür es getan hatten. Genauso wenig würde heute jemand darauf achten wie sehr sich noch ein letzter Funken Menschlichkeit in mir wehrte.

 

Mein Blick wanderte zu dem Jungen an meiner Seite. Die großen, noch immer glänzenden Augen starrten zu mir hinauf, schweigend. Ich musste mehrere Male schlucken ehe ich meine Zunge bewegen, meine Lippen von einander lösen konnte.

 

“Wie lange ...habe...ich ge..schlafen?“ jedes Wort schmerzte in meinem Mund, fühlte es sich so an als wäre meine Zunge bereits rissig geworden, ebenso rissig wie die Lippen. Ich hustete leise nach meinem Satz, trocken und ebenso schmerzhaft war es wie das Sprechen zuvor.

 

Ich hörte wie er sich für eine Antwort bemühte. „...es wird bald sicher wieder dunkel...“ Auch er hustete einen Moment ehe er seinen Kopf wieder erschöpft an meine Brust fallen lies.

 

’Wir werden hier elendig verrecken, beide...wenn ich nichts tue..’

 

Zitternd hob ich eine meiner Hände, legte sie ihm ans Kinn und hob dieses ein Stück weit, das er mich ansehen konnte ohne sich zu bemühen. Ich sah in seine müden Augen. So müde Augen das er sie kaum noch aufhalten konnte.

„Wie lautet euer Name?“ Wieder dann sein leises Husten.

 

”A..men..teth..“ wieder so schmerzhaft brüchig fühlte sich meine Zunge an, trieb es mir fast mehr die Tränen in die Augen als die Worte die von ihm folgten.

 

„Ist ..ist schon gut Amen..te ..Ame ...“ Wieder ein leises Husten.

 

„Tut mir leid. Ich ...kann nicht mehr...“ Ich legte ihm rasch einen Finger auf seine Lippen, schüttelte sachte den Kopf dabei. Nicht reden, das musste er nicht. Ich drückte ihn wieder fest an mich, vergrub mein Gesicht an seinem kleinen Nacken.

 

’Ich will das nicht tun...’ Das einzige das ich denken konnte, und er wusste es. Ich spürte seine schwachen Arme wie sie sich um mich legten, hörte seine leise Stimme an meinem Ohr. Seine Bitte.

 

„Erzähl mir noch einmal eine Geschichte... eine Letzte ..bitte..“ Wieder schnürte sich etwas in mir zu, spürte ich das ich weinen wollte, doch hatte keine Tränen mehr die ich vergießen konnte.

 

Ich wusste das es schmerzen würde, wusste das jedes Wort das meinen Mund verlassen würde mir nur noch etwas mehr die Kraft nehmen würde um bei sinnen zu bleiben und doch tat ich was er wollte. Eine letzte Geschichte für einen kleinen, starken Mann.

 

Was ich ihm erzählte wollte mein Traum mir nicht wiedergeben, doch wusste ich das jedes Wort erstickt war, der Klos in meinem Hals so groß das viele Worte darin versanken, ich keine Tränen hatte um zu weinen und es dennoch tat.

 

Ich hielt irgendwann zitternd diesen kleinen, schlafenden Körper im Arm und alles was ich hätte tun müssen wäre seine Kehle umfassen und zudrücken, er hätte geschlafen und nichts gemerkt und doch konnte ich es nicht. Hatte mein ganzes Sein sich auch in dieser Nacht dagegen gewehrt mir meine Freiheit zu greifen.

 

Doch der Morgen nahte und ich wusste, spürte das ich nicht mehr lange bei Sinnen bleiben würde. Ein wunder war es das der kleine immer noch lebte. Hätte er nicht einfach sterben können neben mir im Schlaf? Hätte er nicht einfach verdursten können an meiner Seite?

 

Es wäre doch so einfach gewesen. Er wäre tot, ich hätte nur seine Leiche nehmen und schlagen müssen. So einfach ...sie hätten es nicht gemerkt, doch immer noch atmete er. Und dann, als er erwachte wusste ich das die Zeit soweit war.

 

Ich spürte wieder diese leichte Benommenheit, wie in dem Moment wo ich vor nur etwas weniger als zwei Tagen in diesen Raum gesperrt worden war. Nur einen Moment war es unklar um mich, sah ich die Konturen des Raumes verschwimmen hinter dem Wissen was ich tun wollte.

 

’Ich werde nicht sterben...’ ...nicht heute und nicht hier. Schwerfällig, so schwerfällig das nur mein Wille es war der mich das tun lies. Ich griff nach dem Tuch auf dem Boden das zuvor meine Augen verdeckt hatte. Tiris sah mich an, ich sah die Angst in seinen Augen, musste nur deswegen nach dem Tuch greifen. Ich konnte es nicht, würde er mich so ansehen.

 

Ich band das Tuch um seinen Kopf, verdeckte seine Augen damit. Ich spürte das Beben seines Körpers als ich das tat, spürte wie meine Hände darunter nur noch mehr begannen zu zittern. Sanft ergriff ich seine Hand, zog ihn mit mir ein Stück weit in den Raum. Vorsichtig dann half ich ihm sich hinzulegen.

 

Ich wagte nur kurz nicht mich auf ihn zu setzen, tat es dann doch, hockte mich über ihn, legte meine Hände an seinen Hals. Ich sah zu, wie seine kleinen Hände an meine Handgelenke wanderten, wieder die Ketten die ein leises, metallisches Geräusch von sich gaben als sie bewegt wurden.

 

Langsam dann spürte ich wie fast von selbst meine Hände sich enger um seinen Hals schlossen, ich nicht anders konnte als meine Augen zuzukneifen. Ich sprach, der Klos in meinem Hals so groß das es fast nicht möglich gewesen war das Worte meiner Kehlen entspringen konnten, und doch hörte ich meine weinerliche Stimme.

 

“Deine Eltern stehen vor der Tür ...sie nehmen dich an die Hand ...sie lächeln dich an. Sie nehmen dich mit sich. Alles wird gut wohin ihr geht. Sie nehmen dich zwischen sich ...und ihr geht nach Hause.“ Ich spürte wie sein Griff an meinen Handgelenken lockerer wurde, bebte nun gänzlich über ihm während sein Körper das Zittern langsam verlor. “Ihr werdet glücklich sein zusammen ...und... du wirst ein großer ...starker Mann...“ Seine Hände sanken hinab, sein Atem, er versiegte. Einen Moment noch drückte ich zu, ließ mich dann auf ihn fallen, weinte ...woher die Tränen kamen wusste ich nicht, doch hatte ich am Ende noch welche um sie für ihn zu vergießen.

 

Wie lange ich weinte wusste ich nicht ...ich hörte irgendwann wieder das klappern des Türchens, hörte wie nur wenig später die Tür zu der Kammer aufgerissen wurde. So hell das Licht in das ich sah, konnte nicht erkennen wer es war der mich aufhob, konnte nicht erkennen wer die zwei Männer waren die mich hinaus trugen. Spürte nur ihre Griffe an meinen Oberarmen, spürte wie sie mich über den Boden schleiften und forttrugen von Tiris.

 

“Gebt ihr zu trinken, wascht sie, gebt ihr essen ...und den Jungen verbrennen... Das letzte was ich hörte in diesem Traum ehe ich wieder von einem der Hunde geweckt wurde, meinen Dolch ergriff und mit diesem um mich schlug, spürte das ich sehniges Fleisch durchbohrte, ein Jaulen vernahm dabei. Immer wieder, wie in blinder Raserei stach ich auf das Tier ein ...öffnete irgendwann darunter unter Tränen meine Augen.

 

Immer wieder, wieder und wieder, ehe ich keine Kraft mehr hatte das Tier zu zerstoßen. Ich vollkommen außer Atem nur noch über den Resten kauerte und keuchte. Nie wieder werde ich diese Gasse betreten. Nie wieder ...und nie wieder, so hoffe ich, werde ich diesen Traum haben...

 

 

Teil 15

Ich saß mit ihnen auf dem Boden in dem Hof in der Mitte des Hauses. Die Sonne schien, doch spendeten die Palmen die um uns standen uns wohlig angenehmen Schatten. Der Herr saß auf einer Bank etwas abseits und beobachtete das Treiben in der Mitte. Seine Kinder, die zwei Jungen die Set ihm geschenkt hatte spielten mit mir auf dem Boden. Seine Frau saß etwas entfernt von mir und beobachtete mich wie ich mit ihren Kindern spielte.

 

Immer wieder rannten die Zwei auf mich zu, stießen mich dann eigentlich viel zu schwach an, doch machte ich eine Rolle über den Boden zurück und setzte mich in die alte Position. Die Kinder lachten jedes Mal wenn ich ihnen dann diesen gespielt verwunderten Blick hinüber warf. Es dauerte immer einen Moment bis ich mein lächeln nicht mehr unterdrücken konnte.

 

Hätte ein Fremder dieses Bild gesehen wäre es für ihn sicher klar gewesen das ich eine der ihren gewesen wäre und nicht nur eine Sklavin oder Leibwächterin. Ich war Teil dieses ganzen, solange man mich lies. Und in diesen Momenten war es die Herrin und die Kinder die mir die Wärme gaben die ich sicher einmal von meiner Familie bekommen hatte.

 

Aus dem Augenwinkel dann bemerkte ich Sal durch einen der Gänge wandern. Mehr wie ein Geist erschien sie mir in dem Moment, als das sie wirklich da gewesen wäre, doch ich wusste das sie es gewesen war. Nur sie bewegte sich so lautlos, so schattenhaft in diesem Haus neben mir.

 

Mein Blick wanderte kurz ganz zu dem Gang hinüber, sah ich dann wie die Frau des Hauses mich zu sich winkte. Rasch erhob ich mich, beschwichtigte nur knapp die beiden Bengel das ich nachher weiter mit ihnen spielen würde.

 

Ich setzte mich neben sie als sie deutet ich solle dies tun, nahm platz und blickte zu den Kindern die begannen die Übung die ich zuvor gemacht hatte nachzuahmen. Versuchten sich rückwärts über den Boden zu rollen. Ich schmunzelte als ich ihnen bei den ungelenken Handlungen zusah.

 

„Ein Jahr nun bist du bei uns Amenteth. Ich weiß nicht was dich zu dem machte was du nun bist, aber du bist eine gute Dienerin für meinen Mann und meine Familie geworden. Vielleicht in ein paar Jahren kannst du dir deine Freiheit erkaufen.“

 

Fast erschrocken blickte ich zu der Herren neben mir. Das war das erste Mal das sie so mit mir sprach, war das erste Mal das ich von ihr hörte das ich meine Freiheit haben könnte, vielleicht irgendwann.

 

Mein Blick wanderte nach einem Augenblick zu dem Herrn hinüber. Er beobachtete nur schweigend wie ich mich mit seiner Frau unterhielt. Er war nicht in hörweite, wusste nicht das sie mir soeben davon erzählt hatte.

 

„Er weiß nicht wie ich darüber denke, aber ich werde mit ihm sprechen. Du bist eine gute Wächterin, er sagt ebenso das du auch in anderen Dingen gut dienst. Welche will ich am Ende sicher gar nicht wissen, was du jedoch wissen sollst Amenteth ist, das ich dir dankbar bin das du es dir nicht anmerken lässt vor meinen Kindern ...und vor mir..“

 

“Ihr habt mich und Sal davor bewart zu Sklaven in einem Haus zu werden das einem dieser grölenden Männer gehört, die damals vor der Bühne standen. Viel mehr als das was ich tue kann ich nicht tun um euch zu danken. Doch werde ich, wenn dieses Haus einmal meine Freiheit zulässt nicht alleine gehen. Ich versprach Sal das wir zusammen gehen, und dieses Versprechen halte ich.“

 

Mein Blick wanderte bei den Worten langsam wieder zu der Frau neben mir. Ihre Gesichtszüge erinnerten mich an die von Behnu damals in einem meiner Träume, doch wusste ich das sie es nicht war.

 

“Ich werde euch dienen solange ich kann, aber wenn ich gehe eines Tages werde ich Sal mitnehmen. Das ist alles was ich wünsche.“

 

„Dann wird dir dein Wunsch vielleicht eines Tages gewährt werden, doch bis dahin sollst du wissen das ich dir für deine Mühe und deine Art die du an den Tag legst dankbar bin. Geh nun zu deinem Herrn, ich denke er hat noch arbeit für dich heute Abend.“

 

Ein kurzes Lächeln umspielte bei ihrem Dank meine Lippen, wich dann aber wieder als mein Blick erneut zu dem Herrn hinüber wanderte. Jemanden töten oder aber meine Beine für einen von ihnen spreizen, mehr war diese „Arbeit“ am Ende ohnehin nicht.

 

Das einzige was mich dabei aufrecht erhielt war der Gedanke das ich eines Tages frei sein würde. Auch schon vor dem Gespräch mit meiner Herrin. Wie weit dieser Tag noch entfernt sein würde wusste ich damals noch nicht. Wusste nur das er kommen würde, der einzige Glaube den ich hatte und der mir Kraft gab.

 

 

Teil 16

Ich lag auf dem Bett, starrte immer noch an die Decke. Der Körper neben mir war warm, doch wärmte er mich nicht. Versagt hatte er, wieder einer der sich nicht an die Regeln halten konnte.

 

Mich vor die Wahl stellen und diese dann auch noch selbst entscheiden? Versagt hatte er schon als er überhaupt damit begonnen hatte, aber dann auch noch so eine Arroganz zu besitzen und zu glauben das ich gegen diese Entscheidung handeln würde? Er hatte hoffentlich nicht damit gerechnet.

 

Ich spüre seinen regelmäßigen Atem an meiner Seite. Neben mir einzuschlafen, mir so sehr vertrauen. Wie dumm konnte er sein? Einerlei, ich weiß genug um ihm schmerzen zufügen zu können.

 

Schmerzen muss man nicht auf der Haut tragen um sie zu spüren. Mich vor eine Wahl stellen und mir diese auch noch abnehmen. Wir hätten noch reden können, was interessiert es dich mit wem ich zu tun habe? Ich wähle mir meine Gesellschaft selbst. War es bei dir ebenso.

 

Und wenn ich mit einem Dämon zu Mittag essen will, so ist das am Ende immer noch meine Wahl und hat dich nichts zu interessieren. Du kannst mit mir reden, aber nicht für mich entscheiden.

 

Ich spürte die Wut in mir aufkochen und verlor am Ende wieder die Kontrolle. So mühsam man es wohl am Ende auch versucht und so sehr man es auch schafft das Innere vor der Welt zu verbergen, zu behaupten man sei tot und leer und nichts könne einen Berühren stimmt am Ende wohl nur zum Teil.

 

Du hast nie alles von mir gesehen, hättest du es, wüsstest du was dich nun zu erwarten hat. Ich schob mich vom Bett, nahm den Mantel auf den ich vor Stunden abgelegt hatte. Er wollte nähe, wenn nicht von seiner Gefährtin, dann so von mir das er nicht zu erfrieren drohte.

 

Ich würde ihm das nehmen. Du hast deine Wahl getroffen, leb mit ihr und den Folgen.

 

Einen flüchtigen Blick warf ich zurück als ich die Tür ein letztes öffnete, ein amüsiertes Schmunzeln meine Lippen umspielte als ich sie dann hinter mir schloss. Nähe werde ich dir rauben.

 

Die letzten Sachen die ich noch in dem Zimmer nur zwei Türen weiter hatte waren schnell eingesammelt und als ich vor dem Wirt stand und ihm den Beutel Münzen auf den Tresen legte war es wohl mehr eine vertrauter Gedanke als das es wirklich bewusst durch meinen Geist wanderte. ’Vertraut mir nicht, ich vertraue doch auch niemandem.’

 

Als ich zur Tür hinaus auf die Straße trat wusste ich das ich noch eine Zeit lang zurück kehren musste, aber schlafen würde ich hier vorerst nicht wieder. Dafür wussten zu viele das ich hier ein Zimmer gehabt hatte. Man würde mich nicht finden wenn ich es nicht wollte.

 

 

Teil 17

Ein Meer von Menschen, wieder ein Fest. Es war noch früh, die Frauen standen umher und redeten. Die Männer tranken Wein und machten ernste Gesichter, als würden sie immerzu nur über das Geschäft reden. Welche Geschäfte das waren wusste ich nicht bei jedem, doch wusste ich das es sich um keine normalen Geschäfte handelte.

 

Gut, einige von ihnen waren normale Sklavenhändler. Wohlhabend jedoch. Alle hier waren sie reich. Einige von ihnen verdienten ihr Geld mit Geschäften die ich nur zu gut kannte, andere wirkten so normal das ich nicht einmal zuzuordnen wusste warum sie überhaupt hier waren. Vielleicht aus Güte das sie auch einmal dabei sein durften, vielleicht auch nur als Zeichen, das sie sehen sollten gegen wie viele sie sich stellen würden, sollten sie dem Willen des Herrn nicht gehorchen.

 

Adel, er stank vor Geld, aber noch mehr von der korrupten Art die ihm ins Blut eingeflossen war. Wer Geld hat will es horten, noch weiter vermehren. Ein Bauer will nicht mehr als am Leben bleiben.

 

Ich betrachtete mit unterdrückter Anwiderung dieses Getümmel von Körpern, die Kinder die unter ihnen spielten. Hörte hin und wieder das Lachen der Frauen die sich über irgendjemanden außerhalb ihrer Kreise amüsierten. Hätte ich meinem inneren Drang folgen können, ich wäre einfach gegangen. Doch konnte ich es nicht.

 

Heute trug ich kein Kleid, keinen Schleier der mein Gesicht verbarg. Heute war einer der Anlässe, dann, wenn so viele Menschen umher liefen, an dem ich diese enge Kleidung tragen musste. Eine Hose aus schwarzem Seidenstoff gefertigt, das Oberteil so eng das es ebenso wenig verbarg wie das Kleid, nur das ich so weniger Haut zeigen musste. Die geschwärzten Dolche an meinem Gürtel vielen nicht sonderlich auf, hier in der dunklen Ecke in der ich stand.

 

Beobachten heute, mich um niemanden Kümmern müssen war im Gegensatz zu sonst schon recht angenehm. Der Schatten in dem ich stand bot angenehm kühle Momente wenn der Wind in den Hof wehte. Und nicht weniger Angenehm war es mich einmal nicht hinter diesem dünnen Schleier verstecken zu müssen. Höflich sein musste ich dennoch, aber wirklich jemanden beachten musste ich nicht. Ich musste mich von niemandem berühren lassen hier und auch niemandem ein freundliches Lächeln schenken. Einfach nur ein Stück ich selbst sein an solchen Tagen, es war befreiend.

 

Mein Blick wanderte über die Gestalten die sich in dem Hof aufhielten. Immer wieder hielt ich Ausschau nach merkwürdigen Leuten die nicht wirklich dazugehörig erschienen, aber bisher hatte ich keinen entdeckt. Und dann fiel mein Blick auf einen Mann, stand er mitten unter ihnen und stopfte sich gerade ein Stück von dem Honigobst in dem Mund als mein Blick ihn streifte.

 

Das dunkle, halblange Haar, die dunklen, fast schwarzen Augen, die Nase, die aussah als hätte man sie einige Male gebrochen. Die dunkle, leicht vom Schweiß glänzende Haut. Etwas zog sich in mir zusammen. Spürte ich es in meinem Magen so deutlich, das ich mich schon begann panisch nach einem Ort umzusehen, der es mir erlaubt hätte mich zu übergeben, doch konnte alleine mein Wille diese Reaktion dann doch verhindern.

 

Wieder wanderte mein Blick hinüber und nach einem Moment da ich ihn noch anstarrte verschwammen die Bilder in den Erinnerungen die an ihn gebunden waren....

 

...und führten mich zurück in die Baracken in denen ich mit einigen anderen Kindern und Jugendlichen liegen musste. Wir bekamen zu Essen, wir bekamen Wasser, aber was wir über all diesem bekamen waren Schläge. Schläge wenn wir nicht gehorchen wollten, Schläge wenn wir weinen wollten, Schläge wenn wir zeigten das wir müde waren. Ja, selbst dann bekamen wir Schläge wenn wir taten was sie wollten, wenn wir alles an uns zu unterdrücken versuchten, nur waren diese Schläge nicht so stark wie die, wenn wir etwas falsches Taten.

 

Ich hatte das wichtigste gelernt. Konnte mich in den dunklen Ecken der Räume verstecken wenn ich es musste und wusste meine Gegner abzulenken, sollten sie mir zu nahe kommen. Ich wusste wie ich jemandem im Schlaf lautlos die Kehle durchschnitt, wusste wie ich jemandem im Kampf die schnellsten tödlichen Stöße zufügen konnte. Ich wusste wo ich meine Gegner zu schlagen hatte, wenn ich sie für einen Augenblick kampfunfähig machen wollte. Nur eines wusste ich nicht, warum ich noch hier war.

 

Man hatte mir alles gezeigt, hatte mich darauf trainiert nicht darüber nachzudenken was ich tue. Alles was ich tun sollte ohne Gewissen zu tun, sofern man einem Menschen dies beibringen kann. Nicht nachdenken, nur handeln. Nicht fühlen, nur zustechen. Was mehr brauchte ich als Attentäter?

 

Ich lag auf der Pritsche und starrte in die Dunkelheit über mir, lauschte den leisen Atemgeräuschen der anderen hier. Ich hatte mich mit keinem von ihnen angefreundet. Einige von ihnen waren vertraut miteinander geworden, ahnten sie wohl nicht das sie irgendwann gegeneinander arbeiten würden, sich vielleicht sogar gegenseitig töten mussten wenn sie selbst überleben wollten. Überleben, das war alles was einen hier antreiben sollte, nicht die Hoffung auf eine bessere Zukunft.

 

Ein lauter Knall war es dann der mich rasch aufsetzen lies. Ein flackernder Lichtschein viel in die Dunkelheit, hatte jemand die Tür aufgestoßen und leuchtete nun mit einer Fackel in das innere der Baracke. Ich musste kurz die Augen etwas zusammenkneifen um wieder etwas erkennen zu können, doch nahmen die Stimmen mir das ab.

 

„Raus hier, alle! Sofort!“

 

Ich sprang von der Pritsche auf und wollte mich auf den Weg nach draußen machen als der Mann der die Fackel in der Hand hielt mich am Arm griff und zurück hielt. Sein Kopfschütteln war unmissverständlich und ich blieb an Ort und stelle stehen. Irgendetwas hatte ich falsch gemacht, es würde wieder Prügel geben.

 

Ich senkte den Blick zu Boden, versuchte verzweifelt zu erahnen was ich nur falsches getan hatte, doch fiel mir nichts ein. Ich war in diesen letzten Tagen die einzige gewesen die weniger Schläge abbekommen hatte als der Rest. Es musste etwas schlimmeres gewesen sein als sonst, sonst würden sie die anderen nicht hinaus jagen. Ich bete leise zu den Göttern das er nicht die Peitsche auspacken würde. Ich hatte sie noch nie zu spüren bekommen, doch wollte ich es auch nicht, wenn ich an die Wunden auf den Rücken der anderen dachte. Aufgeplatzte Haut schmerzte so sehr und verheilte so schlecht, das ich mir die quälen in dieser Zeit nicht vorstellen wollte.

 

Es dauerte einige Momente ehe auch der Letzte den Saal verlassen und mich mit dem Mann alleine gelassen hatte. Weiter schaute ich zu Boden, brach seine raue und etwas kehlige Stimme die Stille dann.

 

„Zu deiner Pritsche.“ Ein Befehl, nicht wiedersetzen, das war alles. Man bekam einen Befehl und durfte sich diesem nicht wiedersetzen. Egal wie sehr mein Herz auch in diesem Augenblick schlug. ‚Alles, nur nicht die Peitsche.’ Alles was ich denken konnte. ‚Bitte nicht die Peitsche.’

 

Nein, die Peitsche war es nicht die ich an diesem Abend, in dieser Nacht zu spüren bekam. Vielmehr hörte ich noch mehr Schritte hinter mir als dieser Mann mich zu meinem Lager begleitete. Ich konnte nicht anders, musste aufsehen. Und in diesem kurzen Moment in dem ich hinter mich blickte erkannte ich drei Männer die noch hinter ihm standen. Nur einer von ihnen hielt eine Fackel in der Hand und nur sein Gesicht war es das ich mir einprägte. Das Gesicht jenes Mannes der nun dort auf diesem Fest war und mit den Freunden meines Herrn speiste, lachte und trank.

 

Doch so sehr ich es auch wollte, die Bilder dieser Nacht wollten nicht vor meinen Augen weichen....

 

 

Teil 18

...ich spürte es irgendwann nicht mehr. Ich fühlte das mein Körper sich bewegte, fühlte das immer wieder etwas mit mir geschah, doch den Rest spürte ich nicht mehr. Spürte nicht wirklich die Tränen die noch etwas feucht an meinen Wangen hafteten. Die Hände an mir, ich fühlte sie nicht. Auch die Schmerzen in meinem Bauch waren so weit von mir weg das ich nicht einmal genau wusste ob sie wirklich noch existierten. Es tat nicht lange weh, nur eine Zeit lang.

 

Was geschehen war? Man hatte mich bis zu diesem Tag nie so berührt, das war hinderlich gewesen. Sie hatten es mir gesagt als er niederkniete vor mir. Hatten es mir gesagt als sie mich an meinen Armen und Beinen festhielten das ich mich nicht wehren konnte. Ich hatte die Augen zugekniffen, wollte es nicht sehen. Wollte keines ihrer Gesichter sehen, hatte mir der Anblick von einem von ihnen schon gereicht.

 

Irgendwann, ich wusste selbst nicht wie lange es gedauert hatte, merkte ich keine Stöße mehr. Spürte ich nur wie man meine Arme, meine Beine aus dem festen Griff lies. Spürte ich nur wie sich etwas aus meinem Körper zurück zog. Wäre es nur einer gewesen in dieser Nacht an die ich mich nur verschleiert erinnerte ab diesem Moment, dann wäre es vielleicht noch erträglich gewesen. Wären es ...nicht diese anderen Dinge noch gewesen die sie mit mir angestellt hatten, dann wäre ich vielleicht nicht ...dann könnte ich heute vielleicht noch eine Familie gründen, aber sie hatten dafür gesorgt, mit mehr Schmerz als ich es fast hätte ertragen können, das es nie dazu kommen wird.

 

Ich lag unendlich lange regungslos und nackt auf dieser Pritsche. Mein Körper zitterte, ich hatte keine Kontrolle über ihn. Auch die Augen wollte ich nicht öffnen. Wozu? Um zu sehen wo das alles geschehen war? Ich wusste es, würde es von nun an nicht mehr vergessen. Als ich hörte wie man erneut die Tür zu den Baracken aufriss, das laute Geräusch vernahm....

 

...riss es mich aus dem Traum und ich saß aufrecht im Bett. Ich spürte den kalten Schweiß auf meiner Stirn und spürte wie meine Kleidung klamm an meiner Haut klebte. Immer noch zitterte ich, ebenso wie ich es im Traum gespürt hatte.

 

Mein Blick wanderte durch den dunklen Raum, die aufgehende Sonne warf ihre ersten Strahlen durch die Schlitze der Fensterläden. Doch nahm ich den seichten Lichtschimmer nicht wirklich war, immer noch waren es die Bilder der Vergangenheit die mich nicht loslassen wollten. Immer noch drängten sich mehr Bilder in meinen Geist und versuchten mich zurück zu drängen auf dieses Fest das ich am Anfang dieser Nacht in meinen Träumen gesehen hatte.

 

Sah ich mich immer noch in dem Schatten stehen den ich mir gesucht hatte. Ich viel nicht sonderlich auf, selbst in dem Moment nicht als mein Blick auf den Mann gefallen war der mir etwas angetan hatte was wohl kaum ein Gott vergeben konnte aus dem unsrigen. Weiter stand er da und plauderte mit vollgestopftem Mund mit den Anwesenden. Er würde mich nicht bemerken wenn ich es nicht wollte. Er würde mich nicht sehen wenn ich es nicht wollte, dazu schließlich hatten er und seine Kameraden mich ausgebildet. Dazu hatten sie mich schließlich gedrillt. Vielleicht würde er sich nicht einmal an mich erinnern. War ich sicher nur eine von vielen. Doch ich wollte das er sich erinnert. Nur brauchte ich für den Moment Geduld.

 

Den Rest des Abends hatte ich ihn nicht mehr aus den Augen verloren, war mein Blick ihm überall hin gefolgt. Irgendwann war er von dem Fest verschwunden, hatte sich durch eine der Türen hinausgestohlen und war auf dem Weg aus der Villa als ich ihm leise und ungesehen versuchte zu folgen.

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren: