Kurzgeschichten
Amok
Das Buch das ich las war neu, ich hatte es mir erst am Tag zuvor gekauft, doch konnte ich es einfach nicht aus der Hand legen. Die Sonne schien noch ein wenig auf die Bank auf der ich saß, in den Park hinein. Die letzten Strahlen glitten durch die Baumkronen hindurch zu mir. Hinterließen ein Schattenspiel auf den Seiten Papier die ich nach und nach mit meinen Augen überflog.
Ein Mord, ein Ereignis das so viel nach sich zog. Jede Seite war mit den Folgen dieses Geschehens beschrieben und ich konnte nicht anders als weiter zu blättern. Das Schicksal der Protagonisten zog mich in seinen Bann und lies mich nicht zur Ruhe kommen. Wer war der Täter, was würde am Ende geschehen wenn alles aufgeklärt und erzählt worden war?
Wieder eine Seite beschriftet mit Buchstaben die mich faszinierten und merkte ich erst nach einem Moment das sich um mich herum etwas tat. Eine Frau rannte an mir vorbei. Mein Blick ging ihr nach, sah sie sich immer wieder in die andere Richtung um, die Richtung aus der sie gekommen war.
Langsam, fast so wie es auch in dem Buch beschrieben worden war drehte ich meine Kopf in die Richtung aus der sie heran gerannt war und versuchte zu erkennen wovor sie so panisch flüchtete. Einen Moment nur, dann erkannte ich was es war, dass ihre Schritte so schnell voran trieb.
Eine dunkle Gestalt, ein Mantel unter dem die Waffen die er bei sich trug in der langsam untergehenden Sonne aufblitzten. Verchromtes Metall das einen Moment glänzte ehe wieder der Schatten des schwarzen Stoffs darauf fiel.
Eine Bewegung, ich sah sie deutlich, doch war mein Körper, ja auch mein Geist zu langsam um darauf zu reagieren. Die Hand mit der Waffe hob sich, sah ich in den Lauf. Ein Knall, danach ...Stille....
...und sein Körper sackte zusammen auf der Bank, das Buch noch in Händen halten verlor er den letzten Lebenssaft der begann die weißen Seiten die das Buch befüllten rot zu färben. Die Seiten rot färbten die er zuvor noch mit solcher Spannung und Besessenheit gelesen hatte weil sie ihm etwas zeigten das er nie in seinem Leben erfahren hatte. Eine Spannung bot die ihn nie ergriffen hatte. Und auch niemals würde...
Gold und Liebe
Eine alte Frau saß mit einem kleinen Mädchen am Feuer ihrer Hütte. Die Nacht begann herein zu brechen und die kalte Luft pfiff um das Häuschen am Rande der Stadt. Auf dem Feuer stand ein Kessel in dem leise etwas vor sich hin köchelte. Vielleicht eine Suppe, zumindest erfüllte langsam der Duft den gesamten Raum. Das Mädchen hatte sich in eine Decke gewickelt und die Alte rührte immer wieder den Inhalt um während das Mädchen nicht aufhörte sie zu etwas zu drängen.
„Bitte Oma, bitte erzähl es mir noch einmal. Ich liebe die Geschichte. Bitte erzähl sie noch einmal.“
Ein sanftes, aber trauriges Lächeln umspielte die Lippen der alten Frau als sie der Kleinen antwortete. „Ich habe sie dir bestimmt schon hundert mal erzählt, Kind.“ Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Das reicht noch nicht. Erzähl sie noch einmal.“ Die Greisin schloss für einen Moment die Augen und atmet durch. „Ein mal noch, aber dann ist es genug.“ Das Mädchen nickte, rückte über den Boden hinweg noch etwas näher an die Beine der Frau. Sie begann leise, mit vom alter zittriger Stimme zu sprechen.
„Es war einmal, lange vor deiner Geburt, da lebte eine junge Frau in einer Stadt, ähnlich der, in der wir nun leben. Ihr Herz war schwer von vielen Dingen, aber meisten wurde es erschwert von der Sorge das sie niemals etwas finden würde, das sie wirklich glücklich machen könnte.
Sie hatte alles. Ein Haus, viele Kleider, unendliche Dinge die sie nicht brauchte. Teuren Schmuck, die schönsten Möbel die man für Geld kaufen konnte, aber nichts davon machte sie glücklich. Nichts davon lies sie zufrieden werden.
Die Jahre zogen ins Land damals und mit jedem Tag wurde ihr herz schwerer und ihr Glaube noch einmal bis ins Mark glücklich zu sein schwächer. Auch der Mann den sie geheiratet hatte konnte ihr diese Last nicht von den Schultern nehmen. Er mühte sich ihr alles zu kaufen, das es ihm wert erschien und in seinem Glauben sie vielleicht etwas heiterer werden lassen könnte. Doch nichts reichte um sie auch nur ein Stück weit aufzuheitern.
Jeden Tag saß sie müde und lustlos in ihrer Kammer und schaute auf den Markt hinaus auf dem sich die Kinder vergnügten, die Händler arbeiteten und die Mägde tratschten. Doch auch dort, so oft sie zwischen ihnen umher gewandert war, gab es nichts, das sie hatte aufheitern können. Das Lachen das sie einmal gehabt haben musste, war schon lange erloschen.
Als auch ihr Mann und alle Diener in dem Haus schon lange die Hoffnung aufgegeben hatten sie auch nur einmal noch fröhlich Lachen zu hören geschah ein kleines Wunder. Ein Schneider war in das Haus gekommen um der Lady ein neues Kleid zu schneidern. Er war aus einem fernen Land angereist und vom Herrn des Hauses herbestellt worden. Hatte der Herr geglaubt das vielleicht so ein sonderliches Gewandt sie hatte aufmuntern können stürmte er sogleich als ihm das Lachen ans Ohr drang ins Zimmer und wollte sehen was seine Frau so erfreut hatte.
Sie lachte auch noch als er durch die Tür getreten war, doch war es nicht das Kleid das man ihr schneiderte das sie so sehr erwärmt hatte. Der Schneider selbst, ein junger Bursche und neu in der Zumpft, hatte sich in einem Moment der Unachtsamkeit an ihr Kleid genäht und versuchte nun verzweifelt seine Kleidung von der ihren zu trennen.
Das Lachen der Frau war so herzlich, so voller Freude, das es den Herrn erschütterte wie sehr sie sich über so eine Nichtigkeit, so ein Missgeschick erfreuen konnte. Mit Schimpf und Schande jagte der Lord, trotz der Widersprüche seiner Frau den Burschen vom Hof und lies ihm nicht einmal genügen Geld um seinen Heimweg antreten zu können.
Wochen zogen ins Land und die Dame des Hauses versank wieder in ihrer alten Trübsal. Nur hin und wieder, wenn keiner es bemerkte war sie am Lächeln. Mit einer leisen Erinnerung an das Missgeschick des Schneiders. Und in jedem Moment da sie begann zu Lächeln versank sie hinterher nur noch mehr in Agonie, denn sie wusste, das sie ihn nicht wieder sehen würde.
Es war dann, an einem Tag nach etlichen Wochen als sie wieder an ihrem Platz saß und hinunter auf den Markt sah, als sie einen Bettler erblickte der so sehr dem jungen Mann ähnelte den sie gesehen hatte, das sie fast erschrocken aus ihrem Stuhl sprang und die Stufen hinab auf den Markt eilte. Sie suchte überall, musterte jeden Bettelmann auf dem Platz, doch fand sie den, der ihr zuvor ins Auge gestochen war nicht wieder.
Und dann, als sie die Hoffnung schon aufgegeben hatte, gehen wollte, stieß sie ein Fremder an und überschüttete sie mit einem Becher voller Wasser. Erschrocken zuckte sie zusammen, die Leute um sie herum fingen an zu murmeln, zu kichern, auf sie zu zeigen, den nassen Fleck dort mitten auf ihrer Brust. Doch sie blieb still, einen langen Moment ehe sie wieder, ein zweites Mal wohl in all der Zeit aus vollem Herzen begann zu lachen.
Das Lachen schallte über den Platz und steckte die anderen Leute um sie herum an, es wurde zu einem lauten schallen das sich bis zum Haus der Lady ausbreitete und die Aufmerksamkeit des Herrn weckte. Er eilte in das Zimmer in dem auch immer seine Frau saß und in dem man den besten Blick hinab auf den Markt hatte. Einen stillen Moment stand er regungslos am Fenster, neben dem leeren Stuhl auf dem seine Frau zuvor gesessen hatte.
Er hatte schon längst erkannt was seine Frau erst bemerkte als sie eine Berührung auf ihrer Schulter spürte. Hinter ihr hatte der Mann gestanden der das erste Mal seid Jahren ihr Lachen hatte wecken können. Einen langen Augenblick sahen sich die Beiden schweigend an ehe er ihre Hand ergriff und sie wegführte von dem Platz, nicht zu dem Herrenhaus in dem sie einst gelebt hatte, sondern in eine kleine Hütte, am Rande der Stadt. Alt, zugig und morsch, doch mehr als sie je gebraucht hatte.“
Eine Weile schwieg das Mädchen, lächelte verträumt vor sich hin. „Das ist eine schöne Geschichte Oma. Aber du hast mir nicht erzählt was geschehen ist danach. Erzähl, wie ging es weiter?“
„Willst du dir den Traum wirklich verderben mein Kind? Mit dem wahren Ende und nicht dem Traum den du noch in dir trägst?“ Das Mädchen nickt einige Male eifrig. „Wenn, will ich die Wahrheit hören, und nicht nur davon träumen wie die Geschichte endet.“
Wieder atmete die Alte einen langen Moment durch ehe sie erneut mit etwas leiserer, weiterhin zittriger Stimme zu sprechen begann. „Wochen zogen ins Land und das Lachen der Lady kehrte zurück. Nicht durch Gold oder schöne Dinge, sondern nur nach und nach durch das Gefühl der Geborgenheit, der Liebe und Zuneigung die der Schneider in ihr weckte. Doch wie alles auf der Welt vergeht, so vergeht auch irgendwann das Glück.
Krank wurde der junge Bursche, krank durch die Kälte die immerzu durch das Haus pfiff, krank durch das schlechte Essen das die Beiden oft zu sich nehmen mussten. Und als er in dem Bett lag in dieser Hütte, hustend und von schweiß gebadet war es die Lady die sich um ihn kümmerte, immer noch mit dem Lächeln das ihr so lange verwehrt geblieben war. Auch wenn es sich langsam mit der traurigen Wahrheit belastete, das er nicht mehr lange Leben würde.
Und am letzten Abend da sie zusammen auf Erden bleiben durften, sprach er zu ihr als sie ihn um eine Antwort auf eine Frage bat, die ihr in all der Zeit auf der Seele gebrannt hatte.
’Warum hast du mich damals mit dir genommen? Was war es das dich sicher sein lies das ich bleiben würde?’
’Ich wahr mir nicht sicher an jenem Tag, aber selbst wenn du mich ausgelacht hättest, wäre mir dieses Lachen mehr wert gewesen als alles andere. Dein Lachen, damals in dem Raum als ich uns zusammen nähte, das war mir mehr wert als alles Gold das mir dein Mann hätte geben können, brannte sich tiefer in mein Herz, als all der Kummer den ich in den Wochen darauf erfahren musste.’
’Warum bist du nicht einfach gegangen? Warum hast du nicht versucht nach Hause zurück zu kehren?’
’Meine Heimat war mir nichts mehr wert. Selbst wenn ich dich nie wieder gesehen hätte, war mir der Gedanke in deiner Nähe zu sein es wert ...jede eisige Nacht in diesen Wochen danach.’
Es waren seine letzten Worte an sie, ehe er einschlief und nicht mehr erwachte.“
„Was ist aus der Lady geworden?“
Die Alte lächelte milde, fast etwas verträumt für einen Augenblick.
„Sie blieb in der kleinen Hütte, wenn sie nicht gestorben ist, dann lächelt sie noch heute bei der Erinnerung an den Schneider, der ihr die Fröhlichkeit zurück gab.“